I E    W A N D                    

       von Marlen Haushofer (eines meiner Lieblingsbücher).

"Verdutzt streckte ich die Hand aus und berührte etwas Glattes und Kühles; einen glatten kühlen Widerstand an einer Stelle, an der doch gar nichts sein konnte als Luft. Dann hörte ich lautes Pochen und sah um mich, ehe ich begriff, dass es mein eigener Herzschlag war, der mir in den Ohren dröhnte....."

Eine Frau wacht eines Morgens in einer Hütte in den Bergen auf und findet sich, allein mit ein paar Tieren, in einem Stück Natur eingeschlossen von einer unüberwindbaren gläsernen Wand, hinter der offenbar keine Menschheit mehr existiert. Aber sie will und kann weiterleben.

"Ich sägte fleißig mein Fallholz, und es blieb mir viel Zeit, um mit Luchs in den Wald zu gehen. Ich unternahm aber keine großen Ausflüge mehr, denn ich hatte schon im letzten Sommer meine Grenzen gezogen. Es war mir gleichgültig geworden, wo die Wand verlief, und ich hatte keinie Lust, noch zehn weitere verfallene Holzknechthütten zu finden, in denen es nach Mäusen roch.....Lieber ging ich nur so zu meiner Freude mit Luchs durch den Wald. Das gleichmäßige Dahingehen auf den alten Pfaden, die schon anfingen zuzuwachsen, besänftigte mich immer aufs neue, und vor allem war es eine tägliche Freude für Luchs. In diesem Sommer vergaß ich ganz, dass Luchs ein Hund war und ich ein Mensch. Ich wusste es, aber es hatte jede trennende Bedeutung verloren. Zwischen uns herrschte ein stillschweigendes Verstehen....."

Robinson ist in diesem Roman weiblich. Zitat: "Wenn ich jetzt an die Frau denke, die ich einmal war, ehe die Wand in mein Leben trat, erkenne ich mich nicht in ihr. Auch die Frau, die auf dem Kalender vermerkte, am zwanzigsten Mai Inventur, ist mir sehr fremd geworden. Es war ganz vernünftig von ihr, Notizen zu hinterlassen, dass ich sie in der Erinnerung zu  neuem Leben erwecken kann. Es fällt mir auf, dass ich meinen Namen nicht niedergeschrieben habe. Ich hatte ihn schon fast vergessen, und dabei soll es auch bleiben. Niemand nennt mich mit diesem Namen....Ich möchte auch nicht, dass er eines Tages in den Illustierten der Sieger erscheint...."

Die Namenlosigkeit dieser Protagonistin, die ausbricht aus einem Leben, das nicht lebendig ist, kann benannt werden: Sie heisst Identitätskrise und kommt unter anderem aus den vorherrschenden Verhältnissen, die eben so sind, dass wir, sofern wir fortfahren im rasanten Tempo unserer angebetenen Technik, der guten alten Mutter Erde demnächst einen Nekrolog widmen können. Die Autorin weiht mit ihrem Buch ein imaginäres Museum ein, in dem Brüderlichkeit, Gleichheit, Kreatürlichkeit, Bäume, Tiere zu besichtigen sind, für den Tag, nach der Stunde X.

MARLEN HAUSHOFER variierte immer wieder Ur-Situationen des Menschen, fließend sind dabei die Grenzen zwischen Traum, Trauma und Tatsachen. Alle ihre Figuren sind von ihr abgespaltene Persönlichkeiten.....

MARLEN HAUSHOFER, die sich mit dem Schreiben "selber eine Freude bereitete", starb 1970 im Alter von nur 50 Jahren. Niemals hat sie den Spiegel verhängt vor dem eigenen Blick. Auch das Vergebliche zu tun, wurde sie nicht müde. Uns bleibt die Beschäftigung mit ihren Büchern, die  das Werk eines unlebbaren Lebens sind von einer Autorin, die sich mit allem der Literatur verschrieben hatte und der schon deshalb nicht zu helfen war.       .....aus Nachwort Klaus Antes......

 

 

INE HÜTTE FÜR MICH ALLEIN      

        von JOAN BARFOOT (mein zweitliebstes Buch)

In diesem Roman wird sich ganz sicherlich der Eine oder Andere wiedererkennen.

"Mein Name ist Abra. Ich hatte das beinahe schon vergessen, wo es doch niemand hört, hat das Namengeben seinen Sinn verloren.Und deshalb gab es bis zu diesem Augenblick - wie man sieht, bedeutet auch Zeit wieder etwas für mich - keine "Abra". Nun ist sie wieder da, wie viele andere Dinge auch, all diese Erfahrungen, mir dreht sich der Kopf. Ich dachte, die Zeit der Konflikte wäre vorbei. Ich hatte sie schon vergessen. Ich hatte so viele Dinge vergessen.

Abra ein komischer Name. ich hatte ihn heute pausenlos wiederholt, Laute geformt und verformt, bis er völlig absurd klang. Das harte "A" am Anfang, da so sanft ausklingt. Abra. Mein Name. So wie mich die andern nannten. Je häufiger ich ihn wiederhole, desto bedeutungsloser wird er. Mein Name. Abra...."

Abra zieht in eine verlassene Hütte, weit weg von den Menschen, denn manchmal muß eine Frau etwas Verrücktes tun, um bei Sinnen zu bleiben. Ihr Mann: "Was ist passiert? Warum hast du uns einfach im Stich gelassen? War dir egal, was du uns antust damit, den Kindern, deinen Eltern? Oder mir?" Ihre Tochter: "Du bist die egoistischste Person, die mir je begegnet ist. Nie möchte ich so unmenschlich werden wie du. Du bist verrückt!"

Abra selbst: "Ich sah mir an, was ich angerichtet hatte, als ich euch verließ und hierherkam, und dachte, ich habe einen Nervenzusammenbruch gehabt. Aber dann begriff ich, dass ich nichts Schlimmeres getan hatte, als die Scherben aufzuheben und neu zusammenzusetzen."

"Ich fuhr also ab. Ich schaute nicht zurück, nicht einmal ein kurzer Blick in den Rückspiegel...Ich wunderte mich auch, dass ich keine Entmutigung, keine Zweifel und keiine Panik verspürte, obwohl ich das eigentlich erwartet hatte. Es konnte jedoch noch kommen. Vielleicht später?...

Ich war einen Augenblick lang verblüfft, als ich daran dachte, wie überzeugt ich doch während dieser letzten schwierigen Tage gewesen war, dass dies auf jeden Fall mein Zuhause sein würde....Ich fuhr so weit ich konnte mit dem Wagen vor, stieg aus und schloß die Tür auf. Die Hütte zog mich nach innen, und ich ging langsam durch die Räume, fühlte mich willkommen und fing plötzlich an zu heulen. Tränen des Glücks, nicht des Bedauerns. Die Vergangenheit existierte hier nicht mehr. Die Hütte nahm mich auf....

JOAN BARFOOT, geboren 1942, hat seit ihrer Schulzeit als Journalistin für kanadische Zeitungen gearbeitet. "Eine Hütte für mich allein" wurde in Kanada als bester Erstlingsroman ausgezeichnet.

Dieser Roman für von Uta Gorides ins Deutsche übersetzt.

 

 

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